Grenzerwartungen…

Der Weg zur Grenze war schon ein erstes kleines Abenteuer. Durch Zufall entdecken wir, nach einigen Kilometern, an einem Zaun versteckt, umgeben von Hecken und Bäumen, ein winziges Schild, auf dem in kyrillischen Buchstaben geschrieben steht “Fußweg zur Grenze, hier lang.” Wir folgen brav dem Trampelpfad und stehen ein paar Minuten später an der finnischen Grenze. Der erste Anschiss folgt prompt, da wir nicht wie üblich, als Radfahrer auf der Busspur zum Grenzposten gefahren sind. Wir geloben Besserung und machen es beim nächsten Mal bestimmt besser, versprochen. Jetzt sind es noch gute 500 Meter durch Niemandsland und dann heißt es ordentlich anstellen. Die Autoschlange ist riesig und fast nur Finnen. Ein paar Minuten später werden wir nach vorne gerufen und freundlich am Grenzposten begrüßt. Die Russischkenntnisse von Tatjana sind ein enormer Vorteil bei dem Ganzen Kontroll- und Zollverfahren. Es wird lang und breit erzählt wo wir her kommen, was wir vorhaben und immer neue Fragen werden von der sehr netten Grenzbeamtin hervorgekramt. Die Schlange hinter uns wird immer länger, aber keinen scheint das auch nur ansatzweise zu stören. Anstehen gehört eben dazu. Und so geht jede/r seine/r Bestimmung nach und fragt, antwortet und wartet immer weiter, bis alle Fragen mit passenden Antworten versorgt sind. Uns wird anschließend eine gute Fahrt gewünscht und schon rollen die Räder auf russischem Territorium. Ein Foto vom Grenzschild wird uns allerdings untersagt und so bleibt uns als Erinnerung nur der Stempel im Pass und das Ortseingangsschild von Swetagorsk.

Eine typische Grenzstadt und ein extremer Kontrast zu Finnland. Als hätte man eine magische Linie passiert, sieht alles gleich ganz anders aus. Straßen, Häuser, Autos, wirken auf den ersten Blick wie aus einer längst vergangenen Epoche. Doch man gewöhnt sich dran und so wird das anfänglich doch etwas verstörende Bild für uns schnell zum Alltag. Wir haben vor unserem Grenzübertritt, noch ein Zimmer, in der einzigen Unterkunft in Swetagorsk gebucht, im besten Hotel am Platz. Von außen wirkt alles so, als hätte jemand Ende der achtziger Jahre versehentlich auf den Pausenknopf gedrückt. Doch im Inneren verbirgt sich ein wahrer Schatz. Alles sind sehr freundlich und helfen uns die schweren Räder in die Lobby zu schieben. Wir bekommen einen Raum zugeteilt, indem wir unsere Taschen und beiden Fahrräder einschließen können. Nach einer warmen Dusche, genießen wir noch einen kühles Bier und eine Kleinigkeit an der Hotelbar.

Der erste Morgen in Russland beginnt mit einem leckeren Frühstück. Pfannkuchen und Spiegelei, Grießbrei aber auch Käse und Brot. Wir fühlen uns wunderbar und vertrödeln etwas die Zeit. Wir brauchen so lange, dass wir nach dem Beladen unserer Räder noch das Mittagessen im Hotelrestaurant mitnehmen. Es gibt Borschtsch, Pellmini, Krautsalat und Dessert. Jetzt sollten wir aber langsam los. Schließlich wollen wir heute noch nach Vyborg fahren. Auf unserer finnischen Karte ist die Umgebung bis Sankt Petersburg mit abgebildet. Und so nehmen wir wieder mal Maß und nach ca. 65 km sollten wir am Ziel sein. Mit vollen Bäuchen schwingen wir uns auf unsere Räder und rollen vom Hof.

Nach gut 300 m fahren wir durch den hübsch angelegten Stadtpark. Die ersten Fotos werden gemacht und es dauert gar nicht lange und schon sind wir, bzw. Tatjana, in ein Gespräch verwickelt. Es wird wieder viel erzählt, gefragt, geantwortet. Die ersten Tipps werden an uns heran getragen, wir sollen die Augen offen halten. Die Betreiber, des einzigen Fahrradladens in der Stadt, würden wohl immer mal Glas auf den Wegen verteilen, um mehr Schläuche wechseln zu können. Okay, und zum ersten Mal fangen wir an, ernsthaft unseren Blick auf die Wege und Fahrbahn zu lenken. Tatsächlich, immer mal wieder ganz schön viele Scherben, aber bestimmt nicht nur vom Fahrradladenbesitzer^^  Wir können uns schließlich los reißen und fahren durch das stadtnahe Industriegebiet und über die Staumauer aus der Stadt in Richtung Vyborg. Die ersten 10 Kilometer sind voll von neuen Eindrücken und Vergleichen, zu dem bisher Erlebten.

Die Straße zeigt sich immer mehr von ihrer schlechten Seite, anders als das Wetter, welches uns mit strahlendem Sonnenschein den Weg bereitet. Der Asphalt bekommt immer mehr kleine Risse und Bodenwellen und endet schließlich in grobem Rollsplitt. Zudem kommen tief eingefahrene Rillen von den Traktoren hinzu, die zu den nahegelegenen Feldern unterwegs sind. Die Fahrt gleicht immer mehr einem Ritt auf einem Waschbrett. Wir sind etwas verzweifelt, ziehen aber bis zur kreuzenden Landstraße nach Vyborg durch. Wäre der Verkehr nicht so stark, wir hätten den Unterschied, zwischen unserer bisher gefahrenen Überlanddorfstraße und der Bundesstraße fast nicht gemerkt. Bodenwellen, Schlaglöcher und keine Standstreifen, auf dem man ausweichen könnte. Nur ein Streifen Sand mit etwas Kies vermengt. Diese Fahrt nach Vyborg wird uns noch einige Kilometer im Gedächtnis bleiben.

Der LKW-Verkehr ist extrem und zum ersten Mal kommen unsere Sicherheitswarnwesten, die wir in Finnland gekauft hatten, zum Einsatz. Ab jetzt klammern wir uns an diesen einen Strohhalm, in der Hoffnung, das wir nicht übersehen werden. Wir heften uns an den Seitenstreifen und sperren Augen und Ohren weit auf. Zum Einen, um die teilweise fussballgroßen Schlaglöcher im richtigen Moment zu umfahren und zum Anderen, um die von hinten heranrasenden LKW zu hören und im Notfall auf das Sand-Kies-Gemisch auszuweichen. Auf der halber Strecke, kann die liebe Sonne sich das auch nicht länger mehr mit ansehen und verschließt verzweifelt ihre Augen. Es regnet, wie aus Eimern. Zum Glück steuern wir gerade einen Parkplatz an und finden ein trockenes Plätzchen. Nach einer kleinen Kaffeepause ist der Spuck vorbei und die Sonne blinzelt neugierig hinter einer Wolke hervor. Wir sind ebenfalls gespannt, was alles noch kommen wird.

Der mit Regenwasser durchtränkte Sandstandstreifen ist für uns, auch keine rettende Option mehr. Und so geht es wieder bergauf-bergab, auch bei der Geschwindigkeit einiger Autofahrer und dem üppigen LKW-Aufkommen. Es wird mal mehr oder noch mehr, aber der Abstand zu uns, gefühlt immer weniger. Ein Tag zuvor, haben wir die heutige Distanz noch wie im Flug bewältigt. In Vyborg angekommen, fallen wir uns erleichtert in die Arme. Später erfahren wir, dass diese Straße, zwischen Vyborg und Swetagorsk, nicht mehr instand gehalten wird. Sie wird dem Verfall preis gegeben. Doch an der Geschwindigkeit und dem Fahrverhalten manchen Verkehrsteilnehmer ändert das nichts. Drei Kreuze, wir haben es geschafft, unser erster Tag auf Russlands Straßen.

Svetagorsk
Vyborg
Vyborg
Vyborg