Ga(st)z prom(t)…

Nach der holprigen Fahrt von Svetgorsk nach Vyborg war die Vorfreude auf das weitere Radeln etwas gedrückt. Gegen Mittag bündeln wir unsere Kräfte und motivieren uns gegenseitig für die Weiterfahrt nach Sankt Petersburg. Wir beschließen einen Zwischenstopp in Selenogorsk, 60 km vor Sankt Petersburg einzulegen. Bis dahin sind es aber noch 130 km und mit den Gedanken an die Strecke vom Vortag sind wir nicht gerade hochmotiviert. Aber es kommt alles anders. Die Straße lässt sich wunderbar fahren, unsere einzige Sorge, die aufkommt, ist der Schlafplatz, denn es ist mittlerweile dunkel und zwischendurch gießt es wie aus den Eimern. Akribisch suchen wir nach einem geeigneten Plätzchen und kurz vor Selenogorsk entdecken wir eine feiernde Gruppe direkt am Strand. Was für ein Glück! Ihre Zelte sind bereits aufgeschlagen. Wir beschließen die Leute anzusprechen und prompt dürfen wir unser Nachtlager neben ihrem errichten. Wir werden direkt mit warmen Tee, Essen und Decken versorgt. Auch stoßen wir mehrmals auf das Kennenlernen an. Wir kommen in den Genuss der russischen Gastfreundschaft und kurze Zeit später stellt sich heraus, wo wir gelandet sind - bei einer großen Firmenfeier des russischen Gasriesen.

Wir werden eingeladen das Wochenende mit ihnen zu verbringen und überlegen nicht lange uns dem bunten Treiben anzuschließen. Am nächsten Morgen ertönt pünktlich ein Trillerpfeifen-Signal. Es ist Zeit aufzustehen und sich dem strikten Programm hinzugeben. Es gibt einen Survival-und Erste-Hilfe-Kurs, Tauch-Instruktionen, Salsa-Stunden, Beachvolleyball und Angeln. Zwischendurch wird immer wieder gekocht, gegessen, Lagerfeuer gemacht, gesungen und gegrillt. In der Mittagszeit nutzen wir in der 20-minütigen Pause unsere Chance für einen Powernap am Strand. Aus dem kurzen Schlaf werden zwei Stunden und natürlich haben wir nicht davon Wind bekommen, dass die Suche nach uns bereits gestartet ist. Zurück am Lager angekommen, gibt es erstmal Schelte. Wir gehorchen brav und setzen uns an den reichlich gedeckten Tisch. Es sind noch mehr Menschen dazu gestoßen und der Tisch quillt über vor den mitgebrachten Köstlichkeiten. Nach dem üppigen Essen am Nachmittag ist Anpfiffzeit und wie es der Zufall will, spielt gerade an diesem Tag Deutschland gegen Schweden und die Strandbar nebenan ist eine fantastische Location in das WM Fieber einzutauchen.

Am Abend wird noch einmal der Grill angefeuert und übermäßig viel Gemüse geschnippelt. Den Tag lassen wir alle zusammen beim Lagerfeuer und Singen ausklingen. Wir verabschieden uns als Erste in unser Zelt. Am nächsten Morgen bleibt die Trillerpfeife aus, der Chief Commander liegt noch in den Federn. Die Nacht war wohl lang und am Sonntag darf man auch mal länger schlafen. Nach und nach kriechen unsere neuen Freunde aus ihren Zelten. Zügig gibt es ein Frühstück, natürlich wieder sehr ergiebig mit Porridge, Piroggen, Kaffee und anderen Schmankerln. Gegen Mittag ist es für uns soweit und wir packen unsere Sachen für die Fahrt nach Sankt Petersburg. Von allen Seiten werden uns Lebensmittel für die Weiterfahrt gereicht, verschiedene Büchsen, Buchweizen, Brot, Bananen, etc. Wir sind immer mehr von der russischen Fürsorge beeindruckt. Und als absolutes Highlight bekommen wir einen Wohnungsschlüssel in Sankt Petersburg und dürfen dort bleiben solange wir wollen. Das sprengt unsere Vorstellung von Gastfreundschaft. Wir sind mehr als berührt und fahren glücklich mit positiven Eindrücken weiter.